SPD HONKS

Die letzten Sonnenstrahlen glitzern über der Mainlinie. Die Abendsonne reflektiert ihren Lichterschein über der sich kräuselnden Wasseroberfläche. Nicht nur die Luft vibriert – auch die Menschen atmen ein wenig auf nach den langen Wintermonaten. Da kann man sich auch was besseres vorstellen als zu einer SPD – Abendveranstaltung zu gehen.

Die Tore zum Gelände auf dem sich das Städelmuseum befindet sind trotz der frühen Abendstunden noch weit geöffnet. Es sind aber noch ein paar Meter bis zur Städelschule. Im Eiltempo kommt mir ein junger Mann entgegen, der das selbe Anliegen teilt und dem ich die richtige Richtung zeigen kann.

Auf meine Frage,  wohin er will, antwortet er etwas kurzatmig: er muss zu seiner Partei!  Seine Partei? Das ist die SPD im Römer, die in die Städelschule zur Kulturdebatte auf dem Podium eingeladen hat.

Geladene Gäste sind die Leiter des Literaturhauses, der städtischen Oper und der Musikhochschule. Alles hochkarätige kulturelle Institutionen.  In der Sprache des Feuilletons heißt das : Subventionsbetriebe, die den städtischen Etat belasten und dafür kulturelle Spitzenleistungen abliefern.

Wie schön das die gute alte Tante SPD noch so viel Begeisterung hervorrufen kann bei ihrem Nachwuchs -denk ich mir – während der zukünftige Parteikader schnell davoneilt.

Mit gut halbstündiger Verspätung treffe ich in der hoch aufragenden Säulenhalle der Städelschule ein. Die Örtlichkeit ist mir bekannt von diversen Ausstellungen der Stipendiaten, die hier alle Jahre wieder stattfinden. Der Raum verstrahlt die weihevolle Atmosphäre von einem unterkühlten Musentempel.

Das passt ganz hervorragend zur SPD – Plakatwerbung für die Veranstaltung. Auf dem Plakat sieht man im Hintergrund den Giebel der alten Oper mit dem Sinnspruch  klassischer Bildung: Dem Schönen, Wahren, Guten….

Das Motto scheint gezogen zu haben. Die Stuhlreihen sind dicht besetzt und nur noch wenige Sitzplätze sind frei. Neben den geladenen Gästen sitzen auf dem Podium die Moderatorin  und die Gastgeberin, die SPD – Kulturreferentin im roten Blazer und silbergrauen Haar.

Wie das so ist bei derartigen Podien , wird die Debatte am Anfang noch engagiert geführt, um dann übergangslos stark abzuflachen.

Der Literaturhausmensch ist der ‚Ich weiß auch nicht was ich hier soll und  sitze bloß rum, aber das ist ja auch egal‘ Typ. Am Ende des Abends weiß man zumindest, das man ihn nach den Veranstaltungen im Literaturhaus ansprechen kann, ohne deswegen gleich rot werden zu müssen. Der gute Mann scheut die Öffentlichkeit nicht und weiß was sich gehört – immer ein offenes Ohr für sein Publikum.

Der Chef der Oper hingegen wirkt satt, selbstzufrieden und stark übersubventioniert. Er kann nicht klagen. Der Laden läuft. Alles super! In den zwei Stunden fällt er dann einzig durch eine etwas missverständliche Aussage auf, die er auch auf Nachfrage nicht so recht zu korrigieren weiß: ‚Er braucht um Oper zu machen kein internationales Flair in der Stadt.‘ Das heißt dann wohl die Oper ist die Stadt in der Stadt? Wie auch immer!

Bestnoten erhält alleine der Direktor der Musikhochschule, dem man sein starkes Engagement für die Kultur in der Stadt(auch außerhalb von seinem Laden) tatsächlich abnimmt. Er darf dann auch gleich mehrfach das Schlusswort halten.

Die SPD – Dame im roten Blazer nutzt zuvor noch schnell die letzte Gelegenheit für hastige Wahlkampfversprechen, wie z.B. der verstärkten Förderung der sog. ‚Freien Szene‘. Die Frau hat zumindest Stil. Während des gesamten Abends verzieht sie ihre Mimik nur um wenige Millimeter und hält sich auch sonst mit deutlichen Worten stark zurück. Wie war das noch mal? ‚Freie Szene?‘ Was ist das? Wer ist das? Darüber gilt es in Zukunft verstärkt nachzudenken. Das merken wir uns!

Am meisten Redezeit verzehrt die Moderatorin. Wortreich singt sie das Hohelied auf die Kultur. Wir danken der Kulturkritikerin. Nur leider verliert sie zunehmend ihren Charme, als es darum ging Fragen zuzulassen und wirkte etwas ungnädig als eine griesgrämige Kunst – und Kulturschaffende sich wiederholt zu Wort meldet und kein gutes Haar an der Kultur in der Stadt lässt. Nur – um was ging es nun?

Wie gesagt: die Debatte wirkte seltsam hohl. Im Hintergrund hallten  regelmäßig die Erschütterungen zugeschlagener Türen durch die Säulenhalle. Welche Türen wurden da schon wieder zugeschlagen? Handelte es sich bei den akustischen Signalen um eine Kunstaktion?

Der Begriff Kultur ist sowieso ein wenig schwammig. Was ist Kultur? Der Sportverein? Das Stadttheater? Oder der Kiosk um die Ecke?Auffällig ist zumindest  das während der gesamten Debatte ein ansonsten zentrales Stichwort völlig fehlte: Money, Kohle, Cash, Marks, Mäuse, Miezen – GELD!!!

Das fehlt bekanntlich und ist ganz allgemein Mangelware. Woher nehmen wenn nicht stehlen!? Also unterhält man sich über Dinge die nix kosten. Man will ja auch nix abgeben.

Das war dann die Frage warum der Anteil der Migration in der Stadt sich nicht in der Kultur widerspiegelt? Wie ganz allgemein der Zugang zur Kultur für Kinder und Jugendliche erleichtert werden kann?  Was der Einbruch des digitalen Zeitalters für die Kultur bedeutet? Was das Verschwinden der Kulturkritik für die Kultur bedeutet?

Letztere Frage lag der Kulturkritikerin auf dem Podium besonders am Herzen. Sie bangt scheinbar um ihre Zukunft? Ihr wurde aber beruhigend zugesprochen. Noch bleiben die Arbeitsplätze für Zeitungsboten und Kulturkritiker erhalten.

Währenddessen hat sich aus dem Publikum wiederholt ein kleines , verhutzeltes Männlein unruhig zu Wort gemeldet. Ihm wird aber gesagt, das er sich noch ein wenig gedulden soll bis Fragen aus dem Publikum zugelassen werden. Als es dann endlich soweit ist dauert es auch noch eine Weile bis das Mikrophon endlich zu ihm wandert.

Liebe gute alte Tante SPD! Das war nicht gerade die feine Art wie ihr mit einem stadtbekannten und mittlerweile altehrwürdigen Kunst – und Kulturschaffenden umgegangen seid, der nur seine jüngste Initiative zur Förderung der Kultur in der Stadt vorstellen wollte. Habt ihr gar kein Ehrgefühl? Allein dessen Präsenz scheint für Irritation zu sorgen. Die Augen kohlrabenschwarz umrandet, durch das hohe Alter bereits stark gebeugt, verstärkt noch die speckige Winterjacke den Eindruck sozialer Randlage.

Was für ein Gegensatz zu den Schlips – und Anzugträgern auf dem Podium! Wenn man gemein wäre könnte man das als Sinnbild für für die Nichtanerkennung und Nichtbeachtung von Kunst und Kultur ausserhalb des etablierten Betriebs ansehen? Das wäre dann aber vielleicht doch wieder etwas zu dick aufgetragen?

Was mehr wahrscheinlich ist und was dann auch die eigentliche Erkenntnis des Abends ist: scheinbar schämt sich die SPD für ihre Honks?! Vor allem dann wenn gut betuchtes und gut bezahltes Personal eingeladen wurde? In dem Fall handelte es sich um Max Weinberg, ein Maler bzw. bildender Künstler, der durch seine großformatigen, bunten und abstrakten Bilder bekannt ist.

Was passiert noch? Ein 47 Jähriger berichtet von Repression gegen die Jugendkultur in Frankfurt am Main  in Form von einer nächtlichen Polizeirazzia bei einer Tanzveranstaltung im Tanzhaus West. Müssen das die Gäste der Alten Oper demnäxt auch befürchten, wenn sie an der falschen Stelle parken?

Von Kunst und Kultur alleine lässt sich in Frankfurt scheinbar schlecht leben. Wer die Miete für seine Wohnung bezahlen will, muss  in die Werbung gehen oder mit dem Taxi fahren.

Besonders unsäglich wird es, als ein Comic Zeichner von seiner mehrfachen Ablehnung durch diverse Kunsthochschulen berichtet.

Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit der Geschichte von dem wohnsitzlosen Postkartenmaler aus Wien auf. in diesem Fall bleiben die Folgen aber absehbar. Die Eltern müssen geradestehen und sein Comicalbum im Eigenverlag (eine Art ‚Anti – Goethe‘)  per Darlehen vorfinanzieren. Zumindest ist die Grundidee – Gott ist tot – der Teufel ist arbeitslos – nicht völlig unoriginell an. Guter Stoff für die Oper?

Als er dann auch noch anfängt mit bebender Stimme, im Tonfall klassischer Dichtung, aus seiner Faustadaption  laut vorzulesen (der gemütliche Teil des Abends hatte bereits begonnen) ist es höchste Zeit in Superschnellgeschwindigkeit den Raum zu verlassen. Da kann es noch so viel Freigetränke geben. Das ist es dann auch nicht wert.

In Erinnerung bleibt das kleine Männlein in seiner speckigen Winterjacke. Eine Ausstellung über sein Werk, anlässlich seines 85. Geburtstags, wurde ihm vom CDU Kulturdezernenten verweigert mit der Begründung das er an seinem 80sten Geburtstag  bereits eine Ausstellung hatte.

Max Weinberg will aber nicht warten bis er 100 Jahre alt wird. Kürzlich fand ich in einem Studi Umsonst Magazin für Mainz die Notiz,  das Anfang Mai 2015 im Pengland in Mainz, eine  Ausstellungseröffnung mit Max Weinberg und Friends unter dem Titel ‚Alter, was geht?‘ stattgefunden hat. Auf dem Foto von Max Weinberg für die Veranstaltung sieht man ihn in seinem Sommer Outfit mit einem Fussballshirt der brasilianischen Nationalmannschaft.