You are currently viewing Gib es dir!!! Gib dir Teil IV!!!

Gib es dir!!! Gib dir Teil IV!!!

Minife war es langweilig! Soooo laaangweeeilig! Ganz entsetzlich laaangweeeilig! Erst hatte sie sich gefreut endlich wieder ungestoert Einhornserien sehen zu duerfen. Dann passierte etwas sehr, sehr seltsames. Die bunten Einhoerner wurden auf einmal zu grauen Einhoernern. Die Bewegungen erstarrten, bis das Bild komplett einfror und die Einhoerner sie nur noch stumm anstarrten. Das ist ihr noch nie passiert. Wollten die Einhoerner ihr etwas sagen?

Zumindest Schule und Hausaufgaben waren kein Thema mehr. Ihre Eltern waren staendig mit Grosseinkaeufen beschaeftigt, wenn sie nicht gerade mal wieder auf ihr Display starrten. Ihr Vater verliess ueberhaupt nicht mehr das Haus. Er war zwar da. Aber auch nicht da. In seinem Arbeitszimmer sass er nur noch vor dem Monitor, tippte auf die Tasten oder telefonierte mit seinen Arbeitskollegen. Das war neu und hiess ‚home office‘. Ihr Vater erklaerte ihr mies gelaunt: ‚das ist englisch und heisst zuhause ist es am schoensten‘. Neben den ueblichen Spruechen klagte er ueber Rueckenschmerzen und Sodbrennen. Wenn es jemand wagte auch nur in seine Naehe zu kommen, konnte er richtig boese werden. Das war dann ‚Arbeitsstress‘ kommentierte ihre Mutter.

Auf einmal hoerte sie wie ihre Eltern im Nebenraum anfingen leise miteinander zu sprechen. Eltern waren so bloed! Wieso mussten sie immer so ein Riesentheater machen, wenn es Probleme gab, statt mit ihren Kindern vernuenftig zu reden? Dabei wusste jedes Kind sofort Bescheid, wenn Eltern wieder mal so taten als waere alles ganz normal, wenn nichts normal war. Ihre Eltern waren besonders untalentiert als Schauspieler. Sie wusste was zu tun ist. Betont auffaellig schlenderte sie durch die offene Diele und klammerte sich an ihre Mutter. ‚Nein! Minife! Nicht jetzt!!‘ Dann hoppelte sie die Treppe hoch und schmiss die Tuer von ihrem Kinderzimmer zu.

Danach schlich sie sich ins Treppenhaus und lauschte am Absatz der Treppe wie die Stimmen wieder lauter wurden. Immer wenn ihr Vater Recht hatte wurde er laut. Weil er immer Recht hatte wurde er immer laut. ‚Ich halt das nicht mehr laenger aus. Ich brauch meine Ruhe um arbeiten zu koennen. Das ist das beste fuer alle. Morgen klaer ich das mit meiner Mutter.‘ Das war ihr Vater. Ihre Mutter schwieg. Jetzt schwiegen alle beide. Was war los? Oma? Sollten sie zu Oma? Das war so langweilig wie das Amen in der Kirche wo Oma immer betete. Wieso konnten sie nicht mal nach Thailand auf eine Insel fahren wie der liebe Gott?

Ihr Vater hatte es einfach. Nach drei Tagen war er wieder weg und liess sie alleine, um sie nach drei Wochen wieder abzuholen. Das war seine Art Geld zu sparen. Biligurlaub bei Oma auf der Insel. ‚Ist doch schoen hier?‘ ‚Ja! Schoen oede!‘ Jetzt gab es doch das neue Virus-Dingsda? Wollte er Oma um die Ecke bringen? Am naechsten Tag verkuendete ihr Vater die frohe Botschaft als haetten sie sechs Richtige im Lotto gewonnen. Minife hatte nur noch wenig Humor uebrig fuer seine Witze und bereits am Vorabend per Fernbedienung den Notruf alarmiert. „Mach dir keine Sorgen Minife. Wir holen dich am Flughafen ab.“ beruhigte sie eine freundliche weibliche Stimme.

Am Flughafen gab es dann das uebliche Chaos am Check-In-Schalter wegen Uebergepaeck. Dazu kam noch das das Sicherheitspersonal streikte. Ueberall sah man erregte Menschen. Es war richtig was los. Wieso wollten immer noch so viele Menschen von A nach B? Gab es nicht das Virus? Taten den Leuten nicht die Eisbaeren leid, denen das Eis in der Antarktis unter den Tatzen wegschmolz? Was war an B so interessant, wenn sie sowieso wieder nach A zurueckflogen? Minife verstand das alles nicht.

Auf einmal bemerkte sie, das neben ihr ein kleiner Herr stand, der nicht viel groesser war als sie: „Naphta mein Name“, stellte er sich vor. Sie hatte noch nie jemand gesehen, der so komisch aussah. Klein und dick. Eine riesige rot angelaufene Knollennase beherrschte das Gesicht. Schlecht rasiert und dicke Glaeser als Brille. Mit blitzenden Augen und einem fetten Grinsen betrachtete er sie neugierig. Dazu er trug er einen dunklen abgetragenen Anzug mit Streifen, der elegant und schaebig zugleich wirkte. Aus der Weste, die er ueber seinem verschwitzten Hemd trug, lugte ein Flachmann hervor. Hatte er den Anzug und das Hemd aus der Altkleiderkammer? So sah es zumindest aus. Dann passierte etwa sehr seltsames. Es schien ihr als wuerde die Zeit still stehen. Nichst war so, wie es vorher war.

Waehrend der kleine Mann immer noch neben ihr stand, war es sehr ruhig geworden in der Abflugshalle. Das war ja wie bei Dornroeschen, wenn sie sich das Spinnrad in den Finger stach. Alle Leute schienen auf einmal zu schlafen. ‚Wow! Wie geht das denn?‘. Naphta zeigte auf seine Armbanduhr. ‚Siehst du das? Das ist ein Seelomat. Der Antrieb funktioniert mit Mega-Giga-Super-Seelenpower. Ich drueck auf den Knopf hier. Dann bleibt die Zeit stehen. Weisst du was eine Seele ist?“. Minifie schuettelte den Kopf. „Eine Seele ist sehr leicht und sehr klein. Wenn ein Mensch stirbt, haucht er seine Seele aus. Wir handeln mit Seelen auf dem Seelenmarkt. Wir kaufen und verkaufen Seelen. Das ist unser Business.‘ Minife war zu baff um noch mehr Fragen zu stellen.

Sie kamen an einen Schalter von Thai Airways. Dort stand eine Frau in einem eleganten Dress, die sie erwartete und freundlich anlaechelte. ‚Das ist Noi. Noi hilft dir nach Bangkok zu kommen. Wegen deinen Eltern mach dir keine Sorgen. Dein Vater wird denken, das du bei deiner Mutter bist. Deine Mutter wird denken, das du bei deinem Vater bist. So ist das mit Eltern. Manchmal vergessen sie, dass sie Kinder haben. Da hilft auch keine Seelenpower‘. Naphta blinzelte und laechelte milde hinter seinen dicken Glaesern hervor. Dann schraubte er den Verschluss auf von dem Flachmann aus seiner Westentasche und liess das hochprozentige Getraenk ansatzlos die Kehle runterlaufen, das es eine Lust war zuzusehen. Minife hatte diese hohe Kunst, die man nur durch taegliches Training erwerben kann, schon einmal bei einem Mann gesehen, der jeden Tag am Kiosk in ihrer Strasse stand. ‚Manchmal genehmige ich mir einen Schluk gegen das Elend in der Welt. Danach geht es mir einen Moment lang besser. Euch noch einen guten Flug und gruesst mir den lieben Gott schoen von mir.‘

Wer ist Noi?

Wer ist Naphta?

Was gibt es zu essen in der Businessclass?

Was erwartet Minife in Bangkok?

Fortsetzung folgt.