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Die Masse machts

Der aktuelle Souveraen, im Sinne von Carl Schmitt, die letzte Instanz, befiehlt den Massen weltweit im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind fuer die naechsten zwei Jahre von der Strasse zu verschwinden und das Leben in der Elendsbehausung fortzusetzen. Laut Elias Canetti, Nobelpreistraeger, Schriftsteller und Aphoristiker der deutschen Sprache, bedeutet das in etwas das gleiche wie auf essen und trinken zu verzichten oder die Zuneigung zu verbieten.

20 Jahre beanspruchte die Fertigstellung von Canettis Hauptwerk „Masse und Macht“. Alleine 10 Jahre dauerte das Quellenstudium. Waehrend dessen verbot er sich, im Exil in London, jede Taetigkeit als Schriftsteller. Die Erfahrung gegen den eigenen Willen von einer Erfahrung mitgerissen zu werden, machte Canetti mehrfach auf den Strassen der Weimarer Republik. Explizit benennt er den Tag des Arbeiteraufstands von Wien oder den Wiener Justizpalastbrand, den 15.Juli 1927. ‚Es sind 53 Jahre her, und die Erregung dieses Tages liegt mir heute noch in den Knochen. Ich wurde zu einem Teil der Masse. Ich ging vollkommen in ihr auf, ich spuerte nicht den leisesten Widerstand gegen das was sie unternahm.‘

Cannetti versperrte sich gegen die Tendenz seiner Zeit, den Begriff der Masse, als Regression des Unverstands zu verwerfen, er vermutete ein anthropologisches Beduerfnis. Die primitiven, amorphen, wilden Eigenschaften der Masse versteht Canetti als Aufforderung sein Studium fortzusetzen und zu vertiefen. Er unterscheidet in mehrere Kathegorien: ‚die offene Masse‘, ‚die institutionalisierte Masse‘, ‚Hetz-und Fluchtmassen‘ (wie im Tierreich), ‚Umkehrmassen‘ (gegen Herrscher sich auflehnen), Verbotsmassen (gegen herrschend Regeln rebellieren), ‚Festmassen‘ (das Leben zelebrieren) und ‚Doppelmassen‘ (Mann gegen Frau, alt gegen jung, die Lebenden gegen die Toten).

Der ‚offenen Masse“ attestiert er, jenseits des Religioesen, eine „Zerstoerungssucht‘. Die ‚institutionalisierte Masse‘, die ‚Zaehmung des Massentriebs‘, verortet er in den Sperrbezirken des Heiligen, wo der Kult der Religion gefeiert wird. Der Zweck der Masse, jenes ‚von Affekten geleitete Gebilde‘: ‚die Entladung‘. Das hoert sich an wie ein Naturschauspiel. Blitz und Donner. Sturm und Hagel. Schrecklich. Schauerlich. Ueberwaeltigend. Gewaltige Massen an Energie, die sich am Himmelskoerper tuermen, verteilen und entladen, um auf die Erde niederzurasen. Das erklaert wieso Canetti die Kathegorie der ‚Massensymbole“ entwirft: Feuer, Wasser, Wald, Kunst, Geld. Jede Nation hat sein Massensymbol, seine nationale Religion. Fuer die Deutschen: ‚das Heer‘, ‚der marschierende Wald‘. Das ist nicht nur ausgesprochen originell, sondern auch sehr bildhaft und treffend.

Der Eintritt in die Masse befreit das Individium von seiner ‚Furcht vor Beruehrung‘ und muendet in einen Aufstand gegen die ‚Andersartigkeit der Welt‘. Als kurze Formel gesprochen: die Masse gegen den Rest. Der Rest gegen die Masse. Masse oder Rest. Rest oder Masse. Wer siegt? Wer macht das Rennen? Daher auch besagte Zerstoerungssucht besagter Masse. Elias Canetti geht so weit von Bewegungsgesetzen der Masse zu sprechen. Erstes Gebot: die Masse will immer wachsen (wie die Geldinflation). Zweites Gebot: Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Drittes Gebot: Die Masse liebt Dichte. Viertes Gebot: Die Masse braucht eine Richtung.

Wachstum, Gleichheit, Dichte, Richtung. In Viruszeiten klingeln in diesem Augenblick jedem Virologen und jedem Polizeipraesidenten die Ohren. Er oder sie kann es nicht fassen. So viel Unvernunft. Wieso will niemand auf die Stimme der Vernunft hoeren? Vielleicht weil wir im Zeitalter der Massenphaenomene leben? Massenkultur. Massenevents. Massenmedien. Massentransport. Massenepidemie. Vom Massenkonsens zum Massendissenz ist es nicht weit.

Das neue deutsche Massensymbol: der Einkaufswagen oder Abstandswagen, gelegentlich auch Streitwagen, in einer sehr, sehr langen Warteschlange in einem sehr, sehr depremierenden Discountermarkt, wo die Schlange nicht nur immer laenger und laenger wird, sondern die Kunden auch immer angenervter und angenervter und die Kassiererin an der Kasse immer langsamer und langsamer. Normalerweise heisst es dann irgendwann: Neue Kasse bitte! Das kann dauern. 1 Jahr? 2 Jahre?!

2 Jahre hoert sich eigentlich vergleichsweise harmlos an, wenn man das mit den 20 jahren Arbeit vergleicht, die Elias Canetti fuer „Masse und Macht“ gebraucht hat? Weder Carl Schmitt noch Elias Cannetti konnten das Internet ahnen. Die Nivellierung der lokalen Zonen in die Welt-Echt-und Jetzt-Zeit. 2 Jahre lang den Bildschirm anstarren? Information. Desinformation. Stereorealitaet. Telekontakt. Erstickung der Sinne. Kontrollverlust der Vernunft. Herrschaft der Meinungsumfragen und Einschaltquoten. Tyrannei der absoluten Gechwindigkeit. Traumatische Stoerung der Wahrnehmung des realen. Entortung der Individuen, der Gesellschaft, der Demokratie. Desorientierung was das Verhaeltnis zum sich Gegenueberstehenden und das Verhaeltnis zum Anderen – zur Welt betrifft.

Vor 25 Jahren, im August 1995, hat uns das der franzoesische Filosoph Paul Virilio unter dem Titel ‚Alarm im Cyberspace‘ fuer die Zukunft des Internets prophezeit. Sozusagen ein Blick durch die Kristallkugel. Er sprach auch noch vom Unfall der Unfaelle: der Datenbombe. Einen Virus hatte er dabei nicht im Sinn. 2 Jahre lang die Seuchendynamik online anstarren wie ein Championsleague Finale? Kant gegen Darwin? Wer macht das Rennen? Wuerde und Wohlergehen der Individuen? Funktionsfaehigkeit des Kollektivs? Nur um in 2 Jahren umzuschalten, auf den naechsten Katastrophenjoker: das Weltklima. Ein Astreoideneinschlag auf die Erde in Zeitlupe und Grossaufmnahme. Crash! Nice. Nice. Nice. Very ,very, very nice. I love it. I like it. I love it.

Hier und jetzt startet mein Programm ein akustisches Warnsignal. Was will heissen: die Konzentrationsfaehigkeit des Lesers ist erschoepft. Sorry! Lieber Leser! Ich bitte um Geduld. Nur noch eine kleine Masse Zeit und ich bin am Ende mit meinem Vortrag: ‚Jeden Tag, den wir ueberleben triumphieren wir ueber die Massen der Toten.‘ Auch das hoert sich vertraut an und dockt an unsere Alltagserfahrungen und Alltagsbeobachtungen. Jeden Tag betrachten wir die Zahlen, die Mortalitaetsrate, die Bilder der Toten und Todgeweihten an den Maschinen in den Notaufnahmen und Intensivmedizinzentren. Wir leben. Wir atmen. Wir triumphieren. Das ist Canettis Definition der Macht. Das menschliche Machtgefuehl waechst aus der Konfrontation mit dem Tod und dem Erlebnis des Ueberlebens.

Carl Schmitt erhielt von Goehring als Ehrung den Titel des preussischen Staatsrats. Das war ihm laut eigener Aussage mehr wert als der Noblepreis. Er praegte Formeln und Konzepte, die bis heute verwendet werden: Verfassungswirklichkeit, politische Theologie, dilatorischer Formelkompromiss, Freund-Feind-Unterscheidung, Theorie des Partisanen. Ist der Virus nun ein Freund? Oder ein Feind? Ein irregulaerer Krieger? Anhaenger einer Partei? Instrument einer maechtigen Weltzentrale? Auch das klingt verdaechtig bekannt von Donald Trump bis Xavier Naidoo nach Hokus Pokus Trallala: Ich sehe was, was du nicht siehst.

Nach der Theorie des Partisanen ist der Partisan durch seine Irregularitat im hohen Mass mobil und kann jederzeit ueberall zuschlagen. Weder Friedensschluss noch gehegter Krieg ist moeglich. Ziel ist nicht die Eroberung der Geo-Sphaere, sondern die Vernichtung einer Lebensweise. Hatte Carl Schmitt eine Kristallkugel zuhause?

Carl Schmit litt im Alter unter Anfaellen von Paranoia und Wahnvorstellungen. Nichts ist realer als Paranoia. Er sah und hoerte ueberall Abhoeranlagen und feindliche Schwingungen. Ein muendliches Zitat kurz vor seinem Lebensende ist ueberliefert, das sich wie eine gute Formel anhoert, fuer eine neue weltweite Verschwoerungstheorie: ‚Souveraen ist, wer ueber die Wellen des Raums verfuegt.‘

Elias Canetti beszeichnete sich selber als ‚Dichter ohne Werk‘. Sein einziger Roman ‚Die Blendung‘ erschien 1935. Es ist die Geschichte eines Buechernarren, eines Gelehrten der chinesischen Kulturwisseschaften, der am Romanende, umstellt von seinen Buechern, sozusagen von Wissen verzehrt, durch den Brand der eigenen Bibliothek stirbt. Neben dem Nobelpreis der Literatur erhielt Canetti noch zu Lebzeiten den Ritterrschlag von Thomas Mann, der in einm Brief an ihm schreibt: ‚Beeindruckt von der krausen Fuelle, der gewiss erbitterten Traurigkeit und seinem Uebermut‘.
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Was haben Elias Canetti und Carl Schmitt gemeinsam? Wenig. Sehr wenig. Oder auch viel. Sehr viel. Beide schrieben in der deutschen Sprache. Ihre geistige Heimat war der deutsche Sprachraum. Carl Schmitt gehoerte in seiner Jugend zur Boheme in Muenchen. Er war u.a. mit Hugo Ball befreundet. Canetti in Berlin mit Bert Brecht und den Bruedern Herzfeld. Carl Schmitt und Elias Canetti teilten den Atem der Zeit und starben im hohen Alter.

Wer vernichtet wen? Wer frisst wen? Wer stirbt? Wer lebt? Wer gehoert zu den Toten? Wer gehoert zu den Lebenden? Wer hat das letzte Wort? Ueber die Moerder, ueber die Befehlsempfaenger und Befehlsgeber schrieb Canetti: Macht ist Gewalt. Macht ist Ueberleben. Wer Macht hat, hat das Recht ueber Leben und Tod zu entscheiden. Jede Befehl ist eine Todesdrohung. Die Befehlsbefolgung braucht einen Antrieb und hinterlaesst einen Stachel. Der Antrieb ist die Furcht vor Bestrafung. Der Stachel ist das Fremde, das von aussen eindringt und im Koerper Schaden hinterlaesst. Der Befehl ist aelter als die Sprache. Um den Schmerz des Stachels zu mildern geben wir den Befehl weiter. Bis zum letzten Glied in der Befehlskette.

Das Domino der Macht. Die laecherliche Paranoia der Herren ueber Leben und Tod. Die Befehlsketten und Infektionsketten von Washington bis Peking. Von Moskau bis Paris. Asien. Europa. Afrika. Amerika. Kontinente. Landmassen. Gebirgsketten. Ozeane. Staedte. Laender. Grenzen. Oben. Unten. Nord. Sued. West. Ost.

Wer sich entspannen will, um Spannung abzubauen, kann dies auch durch Lachen tun. Entladung durch Humor. Die Erfahrung zeigt uns: Lachen befreit oft in unertraeglichen Situationen. Die Perspektive verschiebt sich und wir sind wieder in der Lage die Relation zu wahren. Kuerzlich war Weltlachtag. Eine Initiative zur Verbesserung der Welt. Auch hier geht es darum Schwingungen freizusetzten. Carl Schmitt liegt scheinbar im Trend der Zeit?

Lach-Yoga als Form der Entspannung im Lifestyle-Universum mit der beruhigenden Vorstellung, so ganz nebenbei, auch noch die Welt zu verbessern. Dagegen ist erst mal nichts zu sagen. Das ist wie mit Fetisch-Sex. Niemand wird groesserer Schaden zugefuegt. Ich hab aber den Verdacht das dieses harmlose Vergnuegen nicht mehr ganz up to date ist. Vielleicht ist es an der Zeit Lach-Yoga weltweit upzudaten und minimum 1 x taeglich ganz herzlich ueber Mr. Trump, Mr. Putin, Mr. Kim und wie sie alles heissen moegen zu lachen? Eine Welt-Partisanen-Armee der Welt-Lach-Yoga-Clubs?

Alarm! Alarm! Alarm! Ich hab die Restzeit mehrfach ueberschritten. Die Geduld des Lesers ist definitiv am Ende! Sorry! Lieber Leser! Lach mal wieder! Laut und herzlich! Mehrfach taeglich! Hoho! Hahaha! Hoho! Hahaha!